Michael Lingner, Maria Tobiassen

Genius Loci (mit Bildmaterial zu Raum 213)

vorschau der ersten seite der ressource Genius Loci (mit Bildmaterial zu Raum 213)> Genius Loci (mit Bildmaterial zu Raum 213) (PDF | Seiten | 9.9 MB)









***Maria Tobiassen:***

**"ein raum für drei (2006)...**

...ist aus der Absicht entstanden, dialogisch auf den aktuellen und historischen Raumzusammenhang zu reagieren, statt beides zu Gunsten einer Kunst à la white cube zu ignorieren.

Maße: 840 x 440 cm

Technik/Material: Hand- und maschinengenähter Baumwollstoff, Schaumstoff, aquarellierte Papier-Objekte


***Michael Lingner***

**Genius Loci**

Was ein Raum zu verstehen geben kann

Im Raum 213 der Hamburger Kunsthochschule hat der seinerzeit mit zur jungen Pariser Künstlergeneration zählende Friedensreich HUNDERTWASSER am 18. Dezember 1959 mit einem schwarzen Pinselstrich seine von B. BROCK angeregte Aktion der legendären endlosen Linie oder auch Spirale begonnen. #1

Als ich im Herbst 1968 an der Hamburger Hochschule zu studieren begann, hatte Hundertwasser mit seiner einzigartigen farbenfroh sich selbst fortpflanzenden Ornamentik bereits eine gewisse Popularität erlangt. Genaueres über Hundertwassers HfbK-Aktion erfuhr ich vor allem aber bald aus erster Hand in den Theorie-Seminaren von Brock. Wieso die Bestrebungen von Hundertwasser keinesfalls singulär sondern allemal auf der Höhe seiner Zeit waren, vermittelte mir dann mein anderer Lehrer F.E. WALTHER durch einen Hinweis auf den italienischen Künstler P. MANZONI.

Dieser realisierte in den Jahren 1959/60 eine Reihe von Linien großer Länge auf Papier(rollen) und notierte dazu: "Eine unendlich lange Linie kann man nur weitab von jedem Kompositions- und Dimensionsproblem ziehen: im totalen Raum gibt es keine Dimensionen." #2 In Amerika führten verwandte Überlegungen etwa zeitgleich zum non-relational-painting, wie es zuerst F. STELLA mit seiner Erfindung der shaped canvas entwickelte. Der Bezug von Hundertwassers Aktionismus zu den gerade aufkommenden Happening und Fluxus-Praktiken lag ohnehin auf der Hand.

Der damals Hundertwasser in der HfbK überlassene große Atelierraum ist irgendwann durch eine Trennwand in zwei Räume aufgeteilt worden: Sowohl in den jetzigen Seminarraum 213 a/b als auch in den weiter so genannten Raum 213, der für das durch mich geleitete Labor:Kunst&Wissenschaft zur Verfügung gestellt wurde. Dessen gesamte Einrichtung war im Rahmen eines von mir betreuten studentischen Kunstprojekts realisiert worden. Ursprünglich für meinen im Kellergeschoss gelegenen früheren Arbeitsraum K23 angefertigt, ist damit dann Raum 213 zu einer auf die vielfältigen Anforderungen des Studienbetriebs zugeschnittenen Theoriewerkstatt ausgebaut worden. Jedenfalls installierte in ebendiesem Raum 213 und für dessen spezielle Nutzungsweisen Maria TOBIASSEN 2006 ihre Studienabschlussarbeit, deren Titel uns drei Möglichkeiten als Rätsel aufgibt, für was oder wen sie bestimmt sein könnte.

Inwiefern für die damalige Studentin bei der Entstehung der Installation der erwähnte kunsthistorische Zusammenhang präsent war, von dem sie in meinen Seminaren gewiss gehört hatte, ist schwerlich zu sagen. Aber wenn man ihre Installation genauer anschaut, ist neben etlichen anderen Anspielungen vor allem ein um den gesamten Raum laufendes lineares Band augenfällig. Es ist sogar längs des Heizkörpers unter dem Fenster von deren rechtem Ende die Hundertwasser-Linie offenbar ihren Anfang genommen hatte (s.Abb.1), spiralförmig gewunden.

Die bei Hundertwasser noch latente künstlerische Problematik des Verhältnisses von Malerei und Architektur, wird in der Arbeit von Maria Tobiassen bewusst reflektiert. Dabei kann sie auf die vorangegangene jahrzehntelange Tradition ortsspezifischer Kunst und deren Erfahrungen, Diskussionen und Beispiele zurückgreifen. Auch eine Fülle formaler Möglichkeiten wie sie etwa das eher atypische künstlerisch Material Stoff und das längst ausgereifte Vokabular minimalistischer Gestaltungsprinzipien oder die Effekte einer von intensivfarbigen Oberflächen indirekt abstrahlenden ätherischen Lichtmalerei bieten, müssen nicht mehr eigens erfunden, sondern können von Maria Tobiassen direkt zur künstlerischen Anwendung gebracht werden. Ganz allein ihr selbst ist allerdings die bemerkenswerte Eigenart zuzurechnen, auf Papierobjekte verschiedene Oberflächen naturalistisch zu aquarellieren und damit die heute grassierende Furnierästhetik durch eine Überbietung ad absurdum zu führen.

Vor allem aber erweitert Maria Tobiassen den bereits raum- und kunstüberschreitend gedachten avantgardistischen Ansatz bei Hundertwasser um die Dimension des Handelns als einer ästhetischen Rezeptionsform. In ihrer Installation finden sich Elemente, die bezogen auf das Ambiente des bespielten Soziotops sich für ein bestimmtes Spektrum von Handlungen anbieten. Daraus ergibt sich ein entscheidender Unterschied zu den rein visuellen, in einsamer Kontemplation zu rezipierenden Kunstwerken, bei denen die angestrebte höchste Verdichtung und Vieldeutigkeit prinzipiell immer begrenzt bleibt. Hingegen können die Bedeutungsmöglichkeiten aufgrund der potentiell grenzenlosen Selbsttätigkeit der mit Objekten interaktiv handelnden Rezipienten sich vervielfachen und unendlich sein.

So zeigt sich der zunächst überraschende Umstand, dass die beiden mit einem Abstand von 47 Jahren im Raum 213 entstandenen künstlerischen Formate das wesentliche Motiv der ästhetischen Evokation von Unendlichkeit gemeinsam haben. Unendlichkeit wird hier aber keinesfalls wie von NIETZSCHE als ewige Wiederkehr des Gleichen gedacht. Vielmehr sind -einmal durch die künstlerische Produktionsweise und andererseits durch die ästhetische Rezeptionsweise- in beide Arbeiten gleichsam Zufallsgeneratoren eingebaut, wodurch eine stete Veränderung des Gleichen eintreten kann. Insofern liegt hier auf keinen Fall der Kreis, sondern eben die Spirale als Denkfigur zugrunde.

Die Absicht, das Unendliche durch Kunst hervorzurufen, geht auf die Romantik und insbesondere auf den von mir gleichsam als Hausheiligen hoch gehaltenen romantischen Maler P.O. RUNGE (1777-1810) zurück. "Er trachtete danach, Gott oder das Unendliche sichtbar zu machen. Durch dieses Streben gilt er als der radikalste Erneuerer der deutschen Malerei um 1800." #3

Er hat mit seinen epochalen Vier Tageszeiten das Unendliche als einen zyklischen, aber durch die jeweiligen Zeitumstände sich auch verändernden Ablauf aufgefasst. Seitdem Kunst so das an sich unsichtbare Unendliche sichtbar zu machen sucht, stellt sich für sie und die ihr Selbstverständnis reflektierenden Kunstwissenschaften die gravierende nach Erforschung verlangende Frage, ob das Unendliche durch Kunst eigentlich darstellbar oder aber allein vorstellbar ist? #4

**Anmerkungen**

1 | A. Becker: Die Linie von Hamburg, 1959. In F. Hundertwasser: Gegen den Strich. Werke 1949-1970 hrsg. Von C. Grunenberg / A. Becker. Ausst.-Kat. Kunsthalle Bremen. Stuttgart 2012. S. 164-169

2 | Nach C. Germano: P. Manzoni. Ausst.-Kat. Städt. Galerie im Lenbauchhaus, München / Kunsthalle Tübingen 1973. o.S.

3 | Kintz, Pauline A. M.: Alles was wir sehen, ist ein Bild. Philipp Otto Runge in het licht van de vroeg-romantische poezietheorie van Friedrich Schlegel un Novalis. Diss. Universität Amsterdam 2009. Aus dem autorisierten deutschen Anhang von H. Kok-Ahrens

4 | M. Lingner: Kunst als Darstellung oder Vorstellung ? Ein Problem in P.O. Runges Künstlerästhetik als Grundlage möglicher Kunstforschung. Symposion an der Hochschule für bildende Künste Hamburg 24.-25.6.2011


Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://archiv.ask23.de/draft/archiv/ml_publikationen/kt13-4.html